Genozid  1937/38   und   Vertreibung der Dersimer aus der Türkei

 

Christian-H.Zimmermann Frühjahr 2009

 

Exzerpt

 

Den ersten Start zum Dersim-Genozid hatte der Vater der Republik Mustafa Kemal Atatürk in seiner Parlamentseröffnungsrede im Jahre 1936 proklamiert und sagte:

 „Wenn es etwas Wichtiges in unseren inneren Angelegenheiten gibt, dann ist es nur die Dersim-Angelegenheit. Um diese Narbe, diesen furchtbaren Eiter in unserem Inneren, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen, egal was es koste, und die Regierung muss mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden, damit sie dringend erforderliche Entscheidungen treffen kann. “(Ebubekir Pamukcu, Dersim Zaza Ayaklanmasının Tarihsel Kökenleri, Yön Yayıncılık, İstanbul, 1992]

Hulusi Ibrahim Yahyagil, pansionierter Oberst, schreibt in seinem Buch mit dem Titel „Die Zeugen erzählen Said-i Nursi“, dass er als Offizier an dem Dersim Massaker 1938 teilgenommen habe:

„Im Jahre 1938 wurden wir als Staatsdiener entsandt, um die Aufständischen in Dersim niederzumetzeln. Der Zustand, den sie als Aufstand bezeichneten, war, dass einige Bergdörfler in jenem Jahr keine Steuern gezahlt hatten. Der Befehl, der uns erteilt wurde, war mit einem Wort ausgedrückt:‘Vernichtung!’...

 

‘Lasst niemanden am Leben, Jung-Alt, Kind-Frau usw.’. Die meisten dieser Menschen waren Rafizi (“Rotköpfe” - ‘Alewiten’ sind gemeint). Aber konnte man mit solch einer Vorgehensweise sie zum Guten bringen? Ich war Truppenkommandeur...” [M.Kalman, Belge ve Taniklariyla Dersim Direnisleri, Nûjen Yayinlari, Oktober 1995, Istanbul, Seite: 396-397]

 

Nach dem Völkermord 37/38 folgte die militärische Annektierung und Türkisierung mit fortwährender Erniedrigung bis heute. Mord, Vertreibung und Umsiedlung war das Ziel der türkischen Republik.  Aufgrund dieses existenziellen Drucks und der Leugnung des Genozides entschieden sich die meisten Dersimer das Gastarbeiterangebot Europas an zu nehmen und wanderten in den 70igern aus. Die meisten davon kamen in die BRD. Schätzungsweise leben 150.000 bis 200.000 Dersimer-Aleviten (Kırmanc) in Europa, die meisten in Deutschland. Mit dem Militärputsch von 1980 begann eine neue Welle der Vertreibung durch die gezielte Zerstörung der Existenz der noch Dagebliebenen. Hunderte Dörfer wurden zerstört, die Bewohner getötet oder vertrieben. Unter dem Vorwand der PKK Bekämpfung findet diese Vertreibung kein Ende. An Rückkehr ist nicht zu denken. Die Bevölkerung ist auf ca. 50000 Einwohner geschrumpft, es gilt Kriegsrecht und fortwährende Diskriminierung. Doch auch  im Exil werden die Dersimer diskriminiert und assimiliert. Für die Deutschen Behörden sind sie Türken, für die Türken sind sie Kurden und auch die Kurden verneinen ihre kulturelle Identität als „Kizilbash“, Zazasprecher oder eben Dersimer. Zusammenfassend lässt sich sagen, daß die Dersimer -sei es in Dersim oder Europa- anfangen, sich zu organisieren. Eine Gruppe von Kirmanc-Zaza Intellektuellen, die sich zur Liga für Freiheit der Kirmanc/Zaza-Dimili und zur Föderation der  Dersimgemeinden in Europa zusammengeschlossen haben, erklären: Die Heimat von uns Kirmanc/Zaza befindet sich unter der Herrschaft der Türken. Die Existenz unserer Identität, Sprache und Kultur ist akut bedroht.

 

 

 

 

 

Besuch in Dersim-Südostanatolien  1.8.08, Tuncelli

Jetzt möchte ich über die Menschen im Dersim berichten. In den letzten zwei Tagen habe ich mit gewählten Vertretern von Alevitischen und Dersimer Vereinen , Umweltaktivisten  der Tudef , Frauenrechtlerinnen der Kader, Bewohnern des Dersim und Besuchern aus Deutschland und Holland gesprochen , die mir viele authentische Einblicke in die  Situation und das Gefühlsleben der Dersimer Bevölkerung ermöglichte.

Hier gibt es eine Enklave von frei denkenden und handelnden Menschen und das fast mitten in der Türkei. Der Dersim ist ein Beispiel für Toleranz und friedliches Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen und das seit über tausend Jahren. Das hier vorherrschende Alevitentum und die städtische Leben in  Tunceli spiegeln das moderne Leben  mitteleuropäischer Städte. Besonders die Frauen bewegen sich hier mit der Selbstverständlichkeit einer aufgeklärten, demokratischen  Gesellschaft.

Aber zugleich erlebt der Besucher in dieser  Region und dieser Stadt ein ständig präsentes kollektives Trauma.

Die Geschichte des Dersim ist  eine Geschichte, des Völkermordes, der Unterdrückung und Vertreibung und das bis heute.

In diesem angeblich demokratischen Türkischen Staat gibt einen rechtsfreien Raum. Kommt man als Besucher oder Bewohner nach Dersim so übertritt er eine „Staatsgrenze“. An allen Einfahrten in den Dersim gibt es mit Panzern und Geschützwagen gesicherte Kontrollposten . Jeder Passant muss  eine eindringlichen Befragung dulden, warum und wieso, wohin und wie lang und wieso er überhaupt  in diese Region will. Alles ist dazu angelegt den Menschen abzuhalten den Dersim zu betreten. Das Militär verbreitet Angst.

Geht man hinein , befindet man sich in einem Gefängnis ohne Rechtsschutz. Tunceli ist von Militär umstellt und das öffentliche Leben wird von Militär und Polizei geprägt. Es herrscht ein Ausnahmezustand.Es gibt hier eine alevitische Bürgermeisterin, einen AKP Gouverneur , der vom Innenministerium eingesetzt wird und es gibt das allgegenwärtige Militär, dass in seinen Endscheidungen, also auch den regionalen, nicht der Exekutiven Gewalt untersteht. Das Militär in der Türkei ist eine Staat im Staat, auch wenn der nationale Sicherheitsrat um exekutive zivile  Minister erweitert wurde.

Und vergessen wir nicht, die Dersimer sind türkische Bürger und trotzdem schutzlos im eigenen  Staat. Und das hat eine schreckliche Tradition. Sowohl dem Osmanischem Reich wie der Türkischen Republik waren die Menschen im Dersim ein Dorn im Auge, den es zu beseitigen galt und gilt. Schon im 14.Jahrhundert ereignete sich der erste Genozid an den alevitischen Dersimern. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts knüpfte der Staat der Jungtürken an diese Vorgehensweise an und unterdrückte die alevitische Bevölkerung mit brutaler Gewalt und dem Ziel der Vertreibung oder Vernichtung, was dann im Genozid an ca.70000 Menschen im Dersim 1938 gipfelte. Und trotz dieser Vernichtungsversuche überlebten Menschen diesen Exidus und lebten weiter unter der türkischen Herrschaft und den weiteren Versuchen die kulturelle Identität des Dersim durch Zwangsassimilierung zu vernichten. Dies passiert kontinuierlich bis heute und die Völker Europas wissen nichts davon oder verdrängen diesen erneuten Versuch eines kulturellen Genozids. Doch die Dersimer haben sich in den letzten Jahren zunehmend organisiert und versuchen z.b. mit dem Munsur Kulturfestival ihre Identität zu bewahren. Doch alle Aktivitäten der staatlichen Organe und des Militärs zeilen darauf ab , die Menschen aus dem Dersim zu vertreiben. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bevölkerung drastisch verringert, von über 150000 auf 60000 heute, während die türkische Gesamtbevölkerung ständig steigt. Die Dersimer werden solange drangsaliert und ihrer Entwicklung beraubt, bis der letzte  sich auf den Weg macht und den Dersim verlässt.

Doch erstaunlicher weise haben die Menschen im Stammgebiet des Alevitentums eine hohe Widerstandskraft und halten aus. Gerade die Stadt Tunceli ist ein herausragendes Beispiel für den Überlebenswillen der Bevölkerung. Auf Druck der europäischen Union und den Beitrittsverhandlungen hat sich nach Auskunft vieler Vertreter der Alevitischen und Dersimer Vereine die Lage etwas verbessert, insofern, dass nicht mehr so übermäßig häufig kontrolliert wird und auch die Tötungen durch das Militär abgenommen haben. Aber die Vertreibung aus den Dörfern schreitet fort, ohne das Entschädigungen bezahlt werden, auch wenn es mit den Staudammbauten zusammenhängt. Denn die Hermesbürgschaftsgeber wie  Deutschland haben an die Staudammbauten hohe Auflagen geknüpft, wie z.B. eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Bisher werden diese Auflagen von der Türkei ignoriert. Deshalb regt sich immer mehr Widerstand gegen die Staudämme am Munsur und  bei Hasankeyf, wie auch auf dem Munsurfestival deutlich und öffentlich gezeigt wurde. Hier am Munsur und in Hasankeyf regte sich in den letzten Tagen verstärkt der Widerstand mit medienwirksamen Aktionen. Und der Ruf nach Akzeptanz und der Wiederherstellung der vollständigen

Kulturellen Identität der alevitischen Dersimer wird immer lauter.