Yasar Kaya

4.4. Religion in Dersim: Die Kizilbasch - Aleviten

Über 90 % aller Einwohner Dersims sind alevitischen Glaubens. Sie werden auch Kizilbasch (Rotköpfig) genannt. Die Aleviten unterscheiden sich von den Sunniten u. a. dadurch:
• Sie lehnen die fünf Säulen des Islam ab.
• Sie fasten nicht einen Monat während des Ramadan, sondern 12 Tage im Monat Muharrem.
• Aleviten gehen nicht in die Moscheen. Sie beten in eigenen Gebetshäusern ( Cemevi).
• Bei Aleviten beten Frauen und Männer zusammen. Generell herrscht größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.
• Sie beten nicht fünfmal am Tag, sondern an Ort und Stelle, wenn sie das Bedürfnis danach verspüren.
• Sie glauben an die Wiedergeburt. Man soll seine Seele deshalb gut behandeln und sauber halten, sodass Kontakt zu den Heiligen hergestellt werden kann. Wenn man stirbt, geht die Seele zu einem Gutem.
• An die Wallfahrt nach Mekka glauben die Aleviten nicht.
Der christliche Missionar Henry Riggs, der im September 1911 nach Dersim reiste, berichtet folgendes:
„Wenn ihr die Dersimer oder die in der Nachbarregion Lebenden nach ihrem Glauben fragt, werden die Antworten vielfältig sein. Dennnoch kann man diese Antworte in ein paar Punkte zusammenfassen. Sie sind Moslems, aber beten nicht fünf mal am Tag, sie fasten beim Ramadan nicht, sie ehren die Sonne und des Feuer sehr. Sie glauben, dass ihr Geist nach dem Tod in ein anderes Lebewesen wandert. Sie praktizieren ihre religiöse Rituale auf jeden Fall versteckt.“ (Riggs 1911)
Riggs berichtet auch über Frauenrechte in Dersim: Die Beziehung zwischen Mann und Frau widerspricht zweifellos den muslimischen Ideen. Sie sind sogar fortschrittlicher als bei Christen, die in der Region von islamischen Gebräuchen beeinflußt sind. Die kurdischen Frauen bedecken ihren Kopf nicht mit einem Tuch, und sie leben auch nicht fern von den Männern an einem anderen Ort. Sie teilen Verantwortung und Rechte. Zuhause mit den Männern im gleichen Maße. Sie beteiligen sich am religiösen Leben zusammen mit den Männern. Im gesellschaftlichen Leben herrschen gegenseitige Achtung und Freiheit.
Über Mann und Frau schreibt Hacı Bektaşi Veli in einem seiner Gedichte folgendes:

"In der Gemeinschaftsrunde wird nicht nach Frau und Mann gefragt;
Alles, was Gott geschaffen hat, ist vollkommen;
Wir sehen nicht auf den Unterschied von Frau und Mann;
Das Unvollkommene, das Unvollständige ist in deinen Gedanken. "
(http://www.alevitentum.de/Alevitentum/11/21/21.html)

Grundlehre des alevitischen Glaubens ist es, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden in der Familie und in der Gemeinschaft zu verbreiten und zu stärken. Das heißt wiederum, Konflikte zu schlichten, die Menschen aneinander näher zu bringen und sie zu versöhnen, sie nicht auszugrenzen, sie nicht zu benachteiligen. Nach der alevitischen Religion sind alle Menschen gleich und gleichwertig.

 

4.4.1. Gebets- und Versammlungshäuser (Cemevi) der Aleviten

Aleviten gehen nicht in die Moschee, sie beten vielmehr im Dergah, einem Gebetshaus. Die Aleviten glauben, dass Gott sich im Herzen des ehrlichen Menschen verbirgt und dieser Mensch überall, wo er sich befindet, beten kann. Er braucht dafür keine formale Ordnung, auch nicht fünf mal am Tag.

Große alevitische Gebetsversammlungen heißen Cem. Diese Versammlungen werden vom alevitischen Pir und Rayver geleitet. Beides sind alevitische Prister. Pir und Rayver spielen Saz (eine Langhalslaute) und singen auf Kirmancki (Gottesbote), während Männer und Frauen im Kreis zusammen Sema tanzen. An den alevitischen Versammlungen (Cem) nehmen alle Familienangehörigen, Vater, Mutter und Kinder, teil. Jede Familie bringt Niyaz mit, ein heiliges Brot, oder verschiedenes Obst. Die Versammlung wird mit Reden und Predigt, Musik und Gesang gestaltet.
„… Jeden Freitag abend versammeln sich die Gläubigen Menschen (Ehl-i îman), Männer, Frauen und Kinder im Gebetshaus. Dort beten sie zu Gott, fordern sich gegenseitig zu einem ehrwürdigen, sauberen und toleranten Leben auf. Danach wird das Mahlbrot verteilt, es ist ein einfaches Brot. Die ganze Woche lang wird dieses Brot gegessen und steht für ein vor Gott gegenseitig ausgesprochener Eid für ein ehrliches Leben. Nicht die, die das Brot vor der Versammlug essen, sondern die Ehrlichen sind sich sicher, den Eid zu halten. (Riggs 1911)
Die Türkei erkennt bis heute die Rechte der Aleviten nicht an. Alevitische Gebetshäuser werden nicht als Gebetshäuser anerkannt und staatlich unterstützt. Dagegen baut der Staat in alevitischen Gebieten immer neue Moscheen. In Dersim sind über 90 % der Einwohner Aleviten. Der türkische Staat hat dort ca. 230 Moscheen erbauen lassen, währen nur drei Cemevi von den Einwohnern errichtet werden durften. Die Türkei ist laut Verfassung ein laizistisches Land. Sie hat aber ein hohes Amt für die Religion eingerichtet (Dinayet Isleri Baskanligi), das nur dem sunnitischen Glauben dient. Dieses Amt verfügt über ein jährliches Budget in Höhe von 1,5 Milliarden Dolar. Es wird aber alles nur für den sunnitischen Islam ausgegeben.
In der Schule der Türkei gibt es immer noch Pflichtreligionsunterricht für alle Schüler, wo nur sunnitischer Islam gelehrt wird. Sunnitischer Glauben wird mit staatlicher Gewalt durchgesetzt und alle anderen Glaubensminderheiten werden zwangsassimiliert.
4.4.2. Die 12-tägige Fastenzeit der Aleviten im Muharrem

Die Aleviten fasten nicht 30 Tage im Ramadan. Sie fasten dagegen 12 Tage im Muharrem. Während der Fastenzeit darf kein Fleisch gegessen werden. Sie dürfen auch keine Tiere schlachten. In dieser Zeit ist es streng verboten, Blut zu vergießen. Ziel des Fastens ist es, sich von Sünden und schlechten Gewohnheiten zu reinigen und zu trennen, körperliche und seelische Ausdauer zu erlangen, lernen, mit den Menschen sanft umzugehen, mit sich und anderen in Frieden zu leben. Dies zu erlernen und sich daran zu halten ist das Ziel des Fastens. Dieser Fastenzeit liegt folgende Geschichte zugrunde: Am 10. November 680 wurde der alevitische Gelehrte Imam Hüseyin, der Sohn von Hz. Ali, in Kerbela (Irak) ermordet. 12 Tage Fasten ist eine Zeit der Trauer für die 12 Imame und eine Zeit der Besinnung. Die Aleviten essen während ihrer Fastenzeit nur einmal am Abend. Am 13. Tag wird nur bis Mittag gefastet, bis die heilige Suppe, "Germa Imamu" oder "Auschure", zubereitet wird.
Alle anderen religiösen Feiertage der Bewohner Dersims sind nach dem römischen Kalender geordnet, nur die Fastenzeit der „12 Imame“ wird nach arabischer Zeitmesung begangen.

4.4.3. Xeylas (Xızır - Elias)

Im Alevitentum gibt es eine zweite wichtige Fastenzeit: Xeylas. Dieser Ausdruck ist entstanden aus den Personennamen Xızır und Eylas (Elias). In Xızır und Elyas personifizierte sich eine göttliche Kraft. Sie werden als Heilige verehrt.
Xızır ist ein Heiliger, der in Not geratenen Menschen an Ort und Stelle zur Hilfe kommt. Mal tritt Xızır als Bettler (Parsocu) auf, meistens aber erscheint er in Form eines alten Mannes mit langem weißem Bart. Xızır ist höchstwahrscheinlich ein sehr alter und bedeutender alevitischer Propheten.
Xeylas erstreckt sich über einen Zeitraum von vier Wochen; jeweils dienstags, mittwochs und donnerstags wird gefastet. In den dritten Januarwoche fängt das Xeylas-Fasten an. Die eigentlichen Fastentage im Xeylas werden auch "Roze Xızıri" (Fastenzeit für Xızır) genannt. Die Mädchen trinken an diesen drei Tagen auch kein Wasser, denn sie glauben, den zukünftigen Ehegatten in ihren Träumen sehen zu können.

4.4.4. Heilige Orte, Berge und Wasserquellen der Aleviten

Die Aleviten aus Dersim pilgern nicht nach Mekka. Sie besuchen häufig ihre heiligen Orte (Ziyaret), ihre heiligen Berge und heiligen Wasserquellen. Sie können hier ihre Wünsche äußern und um Vergebung ihrer Fehler und Sünden bitten. Sie müssen deshalb nicht nach Mekka pilgern. Sie haben also ihre eigenen heiligen Orte wie z. B. den Koye Duzgin Bavay (heiliger Berg von Vater Duzgin) oder die Çıme Munzur Bavay (die heiligen Wasserquellen von Vater Munzur).
Einer der größten alevitischen Gelehrten, Pir Haci Bektas Veli, schreibt in einem Gedicht:
„Was du suchst, suche in dir,
die schöpferiche Kraft ist weder in Mekka noch in Jerusalem,
mein „Kabe“ ist der Mensch“.
( Übersetzung Verfasser)

4.4.5. Gağan

Im alevitischen Festkalender gibt es einen weiteren wichtigen Zeitraum, Gağan. Dieser fängt im Dezember an und dauert vier Wochen. Am ersten Samstag des Januars gehen die Kinder von Tür zu Tür, um Geschenke zu sammeln. Das Gağan-Fest beginnt mit einer Andacht, in der man der Verstorbenen gedenkt, und es wird für sie Niyaz, ein heiliges Brot, verteilt. Es ist eine Zeit der Besinnlichkeit, der guten Nachbarschaft und der gegenseitigen Bescherung. Ein Mitglied der Familie, meist ein Bruder, besucht die Familie seiner verheirateten und fortgezogenen Schwestern, die in der Kirmancki >Zeyi< heißen. Er bringt ihnen Geschenke aus dem Elternhaus. Kulturell und religiös herrscht die Vorstellung, dass sowohl die weggezogenen als auch die verstorbenen Familienmitglieder weiterhin ein Anrecht auf das familiäre Hab und Gut haben.
Am Abend des Gağan-Tags sind die Jugendlichen Herr des Dorfes. Sie dürfen machen, was sie wollen. Meistens besuchen sie mit ihren gesammelten Sachen eine Familie und feieren dort bis zum Morgen. Dort wird u. a. traditionelles Theater namens „Khalo Gağan“ gespielt. Eine der Hauptfiguren ist dabei ‚Khalo Sıpe’, ein alter Mann, der den Menschen Geschenke bringt. Man kann ihn mit dem Weihnachtsman vergleichen.
Einige behaupten, dass das Gağan-Fest von Armeniern nach Dersim gebracht worden sei. Doch viele Bewohner Dersims lehnen das ab und glauben, dass es eine alte regionale Tradition sei.

4.4.6 Rituelle Ähnlichkeiten zwischen Dersim-Aleviten und Christen

Abschließend sei auf das Phänomen ritueller Ähnlichkeiten in der religiösen Praxis von Aleviten aus Dersim und Christen aufmerksam gemacht. Eine intensivere Diskussion der Thematik ist hier nicht möglich, da sie den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

• Die göttliche Dreiheit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) ist auch im Alevitentum anzutreffen (Haq, Pir, Rayver, oder später: Haq, Mıhemed und Ali).
• Musik in den religiösen Versammlungen / in der Messe.

• An den Gottesdiensten können alle gemeinsam teilnehmen, Frauen, Kinder und Männer.

• Die Messen, religiösen Zeremonien, Rituale in der Kirche und Besuche auf dem Friedhof etc. werden mit leuchtenden Kerzen begleitet.

• Vor dem Gebet zünden die Aleviten auch Kerzen (Çıla) an und wünschen sich dabei etwas.

• Am Ende des Gebets wird gemeinsam heiliges Brot (Niyaz) gegessen.