Der selbstbewusste Kampf der Frauen  

 

 

 Von Gabriela M. Keller
30 Jahre nach der Islamischen Revolution: Eine neue iranische
Generation fordert ihre Rechte ein

Teheran - Sie rechnet jederzeit damit, dass es an der Tür
klopft. Immer, wenn sie im Treppenhaus Schritte hört, denkt
sie einen Augenblick lang: Jetzt ist es soweit. Rund 70
Frauenrechtsaktivistinnen sind derzeit in Haft. Auch Mansoureh
Shojaee ist bereits mehrfach verhaftet worden. Die 50-Jährige
sitzt in ihrer Wohnung im Zentrum von Teheran, eine schlanke,
hochgewachsene Frau mit scharf geschnittenem Gesicht. "Ich habe
keine Angst, aber ich warte darauf, dass sie kommen und mich
mitnehmen", sagt sie kühl.

Der stille Kampf der iranischen Feministinnen ist härter
geworden. Einerseits geht der Staat mit zunehmender Schärfe
gegen die Aktivistinnen vor, seitdem der konservative Hardliner
Mahmud Ahmadinedschad Präsident ist. "Wir spüren den
Druck viel heftiger", sagt Shojaee. Ob sie sich von den
Präsidentschaftswahlen im Juni eine Verbesserung verspricht?
Sie winkt ab, sie hat nicht viel Vertrauen in die Politiker.
Andererseits haben auch die Frauenrechtlerinnen den Einsatz
erhöht: "Wir sind heute viel stärker und besser
koordiniert als noch vor wenigen Jahren."

Shojaee wirkt rastlos, macht energische Gesten, fährt sich
mit den Fingern durch das kurze dunkle Haar, setzt ihre Brille
auf und wieder ab. Man kann sie sich richtig gut auf dem Podium
einer Kundgebung vorstellen. Aber die sind in Iran verboten. Im
Juni 2006 versammelten sich dennoch auf dem Haft-e Tir Platz im
Zentrum der Stadt Hunderte Frauen, um zum ersten Mal seit der
Islamischen Revolution vor 30 Jahren für ihre Rechte zu
demonstrieren. Die Polizei trieb die Menge mit Schlagstöcken
und Tränengas auseinander, verhaftete Dutzende. "Sie haben
uns noch nicht einmal anfangen lassen", erinnert sich Shojaee,
"aber trotzdem haben wir hinterher unheimlich viel Feedback
bekommen." Also änderten die Feministinnen ihre Strategie -
und verlegten sich auf die Graswurzel-Ebene. Nun ziehen sie durch
Städte und Dörfer, zu zweit oder zu dritt, sie gehen in
Schönheitssalons, Geschäfte, sie sprechen die Leute an
Bushaltestellen an und erklären, wie das iranische Recht
Frauen benachteiligt. Dass die Zeugenaussage einer Frau nur halb
so viel wert ist wie die eines Mannes. Sie informieren über
Polygamie, das Verbot weiblicher Richter und die Steinigung von
Ehebrecherinnen. Wer sich überzeugen lässt, unterzeichnet
eine Petition "Eine Million Unterschriften für mehr
Gleichberechtigung". Sobald diese Zahl erreicht ist, sollen die
Listen dem Parlament vorgelegt werden, zusammen mit
Vorschlägen für Gesetzesänderungen.

Mansoureh Shojaee ist gerne in den entlegenen Provinzen
unterwegs. Doch immer wieder stößt sie auf neue
Hindernisse, stellt zum Beispiel fest, dass die Menschen mit
Propaganda aufgehetzt worden sind. Einmal stellte sich ihr eine
alte Frau in den Weg, zeigte auf die jüngeren Aktivistinnen
neben ihr und schimpfte: "Es ist eine Schande, dass du diese
Mädchen in unsere Stadt bringst, damit sie sich
prostituieren." Oftmals konfisziert die Polizei ganze Stapel
ausgefüllter Listen. Die Frage, wie viele Unterschriften sie
mittlerweile haben, mag Shojaee daher nicht beantworten. "Unter
diesen Bedingungen ist die Zahl nicht das Wichtigste", sagt sie,
"sondern die Tatsache, dass wir die Kampagne durchführen."

Das Regime weiß, welche Macht Graswurzelbewegungen entfalten
können - schließlich ist der Gottesstaat selbst das
Produkt einer solchen Revolution. "Es gibt zwei
Bevölkerungsgruppen, bei denen das Regime nicht weiß,
was es mit ihnen anstellen soll: Studenten und Frauen", sagt ein
politischer Analyst in Teheran. "Ein paar Aktivisten können
sie kontrollieren. Wenn sich das Ganze aber zu einer
Volksbewegung auswächst, dann lässt es sich nicht mehr
eindämmen."

Einstweilen ist es dem Staat gelungen, ein Klima der Angst zu
verbreiten, in dem die meisten Frauen davor zurückscheuen,
offen für Gleichberechtigung einzutreten. "Man kann nicht
viel erreichen", sagt Maryam, 23 Jahre alt, "außer dass man
seine eigene Situation sehr viel schlimmer macht." Die Studentin
sitzt in einem kleinen Café nahe ihrer Universität, sie
spricht leise und starrt auf die Tischplatte. Sie zählte zu
denen, die während der Demonstration auf dem Haft-e Tir Platz
im Juni 2006 verhaftet worden sind. Zwei Tage blieb sie im
Gefängnis. "Sie haben mich nicht geschlagen, aber wie sie
mich behandelt haben, das war mentale Kriegsführung. Ich
hatte zwei Monate später noch Albträume", erzählt
sie, bricht dann ab und zündet sich eine Zigarette an. Mehr
will sie zu diesen beiden Tagen nicht sagen, weil sonst die
Erinnerungen zurückkommen. "Das war das erste Mal, dass ich
politisch aktiv gewesen bin", murmelt sie. "Ich werde es nie
wieder tun."

Abseits von Kampagnen jedoch, im privaten Raum, ist etwas in Gang
gekommen: Die wachsende Alphabetisierungsrate und die
Verfügbarkeit von Informationen über Internet und
Satellitenfernsehen haben dazu geführt, dass das Bewusstsein
der Frauen für ihre Rechte maßgeblich gestiegen ist.
Ausgerechnet die Islamische Revolution hat diese Entwicklung
begünstigt. Unter dem Schah ließen traditionelle
Familien ihre Töchter oft nicht zur Schule gehen, um sie dem
als unislamisch empfundenen staatlichen Umfeld fern zu halten.
Dieser Vorwand war mit Einführung von Kopftuchpflicht und
nach Geschlechtern getrenntem Unterricht außer Kraft
gesetzt. Derzeit sind an den Universitäten sieben von zehn
Studenten weiblich. Eine Generation von eigenständigen,
graduierten, berufstätigen Frauen ist herangewachsen, die
selbstbewusst die Kontrolle über ihr Leben einfordern.

Das Teheraner Familiengericht liegt am Vanak-Platz im Norden der
Stadt, ein funktionales Gebäude aus grauem Beton. Drinnen,
auf einer Wartebank, hockt eine blasse junge Frau. Sie
blättert nervös in dem Stapel Dokumente auf ihrem
Schoß. "Direkt nach der Hochzeit hat mein Mann angefangen,
mich zu schlagen. Ich dachte, das wird sich mit der Zeit schon
geben", sagt Negar. "Doch statt dessen wurde es immer schlimmer."
Also traf sie eine Entscheidung, die noch vor zehn Jahren nahezu
undenkbar gewesen wäre: Sie reichte die Scheidung ein.
Bemerkenswert ist, dass die 25-Jährige keine Vertreterin der
Oberschicht ist, sondern die Frau eines Automechanikers aus einem
ärmlichen Vorort. Sie schüttelt entschlossen den Kopf und
sagt: "Ich dachte: Das ist doch nicht richtig, wenn ein Mann eine
Frau schlägt."

Nach Regierungsangaben hat sich die Zahl der Scheidungen in Iran
in den vergangenen 15 Jahren bereits vervierfacht. Die
Anwältin Zahra Arzani hat beobachtet, dass es zunehmend die
Frauen sind, die das Ende der Ehe durchsetzen. "Die Einstellung
hat sich geändert", schildert sie. "Früher galt das
Sprichwort: ,Eine Braut betritt das Haus ihres Mannes in
weiß und verlässt es in weiß.' Damit sind
Brautkleid und Totenhemd gemeint. Heute glauben Frauen nicht
mehr, dass das so sein muss."

Freilich, räumt sie ein, ist ihr Handlungsspielraum als
Juristin eingeschränkt, weil alle Gesetze auf Seiten der
Männer sind. "Eine Frau kann nicht einfach sagen: Ich bin mit
der Ehe unzufrieden. Sie muss Gründe für die Scheidung
haben und diese vor Gericht beweisen können", erklärt
sie. Zudem erhält der Vater automatisch das Sorgerecht
für Kinder ab sieben Jahren. Die 41-Jährige hat daher in
einem Online-Ratgeber aufgelistet, auf was junge Frauen bei ihrer
Heirat achten sollten, dass sie sich zum Beispiel in einem
Ehevertrag bestimmte Rechte garantieren lassen können. Nur
hilft das derzeit niemandem weiter, weil die staatliche
Zensurbehörde Arzanis Webseite gesperrt hat. Zahra Arzani
wählt ihre Worte mit Vorsicht aus, tastet sich förmlich
verbal voran, um nicht an die Grenzen des Zulässigen zu
stoßen. Sie weiß, wie heikel das Thema ist. "Wenn du
Gleichberechtigung verlangst, muss irgendwer um seine Privilegien
fürchten", meint sie. "Die Politiker flüchten sich in
Religion und Tradition, um die Situation so bewahren, wie sie
ist."