Dersim   -  Die Andere Türkei

 

 

Ich wurde schon mehrfach gefragt: Warumbeschäftigen Sie sich, als Deutscher mit dem DERSIM ?

 

1.Antwort:

Der Vorstand des Dersim Kulturverein Berlinkam 2008 zu mir in meiner damaligen Funktion als Repräsentant der Gesellschaft fürbedrohte Völker und bat mich um Hilfe in Ihrer Angelegenheit.

Ich arbeitete  mich ein und besuchte den Dersim ein erstes Mal2008.

Daraus ergab sich für mich eine weitere 

 

2. Antwort auf die Eingangsfrage:

Warum beschäftige ich mich mit den Dersimern?

 

Mein Motto als Menschenrechtler  ist : Geschichte verstehen , um die Zukunftzu verbessern

 

Dersim ist  das Kerngebiet verschiedener ethnischer Völkerund Religionen  im Mittelsüdosten derTürkei,  dem  anatolischen Hochland mit  dem Munzur als Quellfluss des Euphrat,  also Obermesopotamien. Und es ist dasStammgebiet der Aleviten.

 

In der Kernregion des  Dersim leben heute noch ca. 60000  Zaza/Kirmanc Aleviten  und in Deutschland ca. 300000. Warum ? Wiekam es dazu? Was bedeutet das für die deutsche und die türkische Gesellschaft?Wer sind diese Menschen ?

 

Die Dersimer in der Türkei und in Deutschlandsind ein  hervorragendes Beispiel füreine Bevölkerungsgruppe, die über Jahrhunderte  Tolleranz,  Menschlichkeit undNaturverbundenheit praktizierte . Sie überstanden aber auch eine traurigeGeschichte der Verfolgung, Vertreibung und des Völkermordes durch diejeweiligen Machthaber des Osmanischen Reiches und der türkischen Republik.

 

Die Dersimer sind für ihre Integrationsfähigkeit  und Tolleranz.bekannt. Mit ihrermultiethnischen und multireligiösen Erfahrung leisten Sie für die weitereEntwicklung der türkischen und deutschen Demokratien  einen großen  Beitrag. Sie können aus ihrem Erfahrungsschatz  zur Versöhnung der Ethnien , deren  Befriedung und des Austausches beitragen.

 

Die Dersimer könnten gerade in der  Türkei einen großen Beitrag zurgesellschaftlichen  Weiterentwicklungleisten, wenn die Türkei  aus der eigenenGeschichte lernen würde und sich nicht so verkrampft und leugnend  verhalten würde .

 

Deshalb habe ich mich entschieden , neben derhistorischen Aufarbeitung und der Publizierung der Ergebnisse  die DERSIMER Angelegenheit zu unterstützen.

 

Ich  bin seit 1 ½ Jahren der 2. Vorsitzende des Fördervein Dersim e.V. , der momentan dasOral History Projekt 38 finanziert und das  Ziel hat , eine Stiftung zur Bewahrung undFörderung der kulturellen Identität des Dersim zu gründen.

 

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Das als Vorwort zu meinem Vortrag

 

Im weiteren möchte ich ihnen die einzelnenAspekte  verdeutlichen, die gerade unterdem Gesichtspunkt der Entwicklung diplomatischer Strategien von Bedeutung seienkönnten.

 

 

1.    Aktuelle Einschätzung der politischen Situation in der Türkei unterEinbeziehung der neueren Geschichte

2.    Minderheitenpolitik in der Türkei am Beispiel Dersim

3.    Alevitentum als Soziallehre

4.    Wirken der zaza-kirmanc-alevitischen Diaspora in Deutschland

 

 

 

Aktuelle Einschätzung der politischenSituation in der Türkei unter Einbeziehung der neueren Geschichte

 

Bevor ich auf die aktuelle Situation eingehe, gestatten Sie mir einehistorisch-politische Analyse des türkischen Gesellschaftsmodells.

 

Das Reich der Dynastie der Osmanen existierte von ca. 1299 bis 1923 und wurde in Europa als „TürkischesReich“ bezeichnet. Anatolien wurde in lateinischen Werken nach der Eroberung durch die türkischen Seldschuken bereits seit dem 12. Jahrhundert als „Turchia“ („Türkei“)bezeichnet.

Die Osmanen verdrängten das Byzantinische Reich weitgehend ausKleinasien.

Mit der  Ära Süleyman I.(1520–1566) begann der  Höhepunkt derMacht des Osmanischen Reichs .Nach der kriegerischen Ausdehnung nach Europafolgte die Unterwerfung der persischen Safawiden im Südosten und die Anextion Mesopotamiens. Mit der Islamisierung der unterworfenen Völker unter dasGesellschaftsmodell des Kalifates und der damit verbundenen  sunnitischen Ausrichtung nach der Sharia alsgesellschaftlichem Lebensmodell ergaben sich zunehmend Konflikte innerhalbdieser Weltmacht.

 

Ein weiteres zunehmendes Problem für den Vielvölkerstaat der Osmanen warder Nationalismus,  der sich bei den  eigenständigen  Völker ausbreitete. Dieser von den Europäernerfundene Nationalismus und die daraus resultierende Förderung derFreiheitsbewegungen  leiteten das Endedes Osmanischen Reiches ein und schuffen damit auch die Vorraussetzungen fürdie folgende Phase  der  Modernisierungen  in den Nachfolgestaaten.  Während sichdie arabischen und iranischen Stämme unter Einfluss Englands und Frankreichs inalten Herrschaftsstrukturen restaurierten, entstand innerhalb derosmanisch-türkischen  Elite eineWiderstandsbewegung gegen die Besatzungsmächte, die die Reste des Reichs inInteressensphären aufgeteilt hatten. Die führende Rolle spielte dabei dertürkische General Mustafa Kemal. Seine Rolle in den folgenden Auseinandersetzungen wurde als derartbedeutsam eingestuft, dass das türkische Parlament ihm den Beinamen Atatürk(„Vater der Türken“) verlieh. Schon bald bildete die nach ihm benannte kemalistischeBewegung in den nicht besetzten Gebieten eine Art Gegenregierung undgründeten  1923 die Republik  Türkei.

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Diese Staatsgründung war eine gesellschaftliche Revolution. Das Ergebniseines laizitischen  und demokratischenStaatsgebildes mit einem Sammelsurium an westlichen Rechtsordnungen erforderteein gewaltiges  Durchsetzungsvermögen.

Das multiethnische und multireligiöse Anatolien stand vor einer völligenNeuausrichtung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dabei beging MustafaKemal “Atatürk” den Geburtsfehler der Republik. Statt die Stämme  des Ostens und ihre multiethnische Erfahrungzu nutzen  startete er eineerbarmungslose Türkisierung unter Bruch aller Versprechungen an dieWeggefährten. Kurden, Zaza/Kirmanc ( auch Kiselbarsch genannt) und die denVölkermord des Osmanischen Reiches überlebenden Armenier wurden mitRegierungsdekreten und Gesetzen  mitGewalt assimiliert .  Die Bevölkerung derRegion Dersim ist seit Gründung der Republik der Türkei auf Grund vonUmsiedlung, Flucht, Vertreibung und Auswanderung kontinuierlich gesunken. Inden letzten sechs Jahren ist die Einwohnerzahl von 93 548 auf 79 176 (2005)zurückgegangen und hat sich seit 1975 mehr als halbiert. Dersim ist nebenweiteren Regionen im Südosten der Türkei der Ort mit dem höchstenBevölkerungsverlust. So wurden in den letzten fünfzehn Jahren aufgrundmilitärischer Einsätze viele Dörfer  mitca 25000 Häusern  zerstört, Wälder inBrand gesetzt, Menschen inhaftiert, gefoltert und getötet.

Im gleichen Zeitraum wuchs die Bevölkerung der Türkei von 29 Millionen (1961)auf 69 Millionen (2004), das entspricht einem mittleren jährlichen Wachstum vonetwa 2%. Diese Wachstumsrate würde einer hypothetischen Einwohnerzahl in derProvinz Dersim von etwa 340.000 im Jahr 2004 entsprechen.

Zusammenfassung:

Die sechs Prinzipien des Kemalismus des Mustafa Kemal Atatürk erhielten  am 5.Februar 1937:– 14 Jahre nach Staatsgründung – Verfassungsrang.

Artikel 2, Satz 1 des Verfassungsgesetzes der Republik Türkei von1924 lautete von da an: Das Türkische Reichist republikanisch, nationalistisch, volksverbunden, interventionistisch,laizistisch und revolutionary

 

Basis war die türkische Geschichtsthese (Türk Tarih Tezi) , nach der das Türkentum entgegen jeder historischenWissenschaft die  antike Gründungskulturdes gesamten kleinasiatischen Raumes sei,  bis hin zum Kult der Sonnensprachentheorie , nach der alle SprachenAbkömmlinge der Türkischen seien.

Diese so begründete Entscheidung für die nationalistische Türkisierung , die Mustafa Kemalals  das westliche Modernisierungsmodellansah,  brauchte gleichzeitig diesekulare Ausrichtung des Staatswesens.” Sei glücklich ein Türke zu sein “ wardie Maxime und sollte alle ethnischen und religiösen Unterschiede  überdecken. Der Islam wurde nichtStaatsreligion und aus der öffentlichen Verwaltung verbannt.

Die Dersimer  warenmit ihrer eigenen multiethnischen und multireligiösen Erfahrung deshalb einVorbild dieser kemalistischen Idee und unterstützen anfangs die Bewegung, vonder sie dann aber selbst brutal erwischt wurden. Die türkisch-kemalistischeElite konnte offensichtlich nicht den Erfolg der  alevitische Lebensphilosophie dulden undstartete die  Lösung eines Ethnozids mitdem Ergebnis des Völkermordes an den sich der Assimilierung  entziehenden  Zaza und Kurden. Andere Ethnien  wie z.B.die kaukasischen Tscherkessen und andere Turkstämme , wie  z.B. die Aserbaidschaner  unterwarfen sich der Türkisierung. Griechenwurden im Bevölkerungstausch nach Griechenland deportiert . Juden gingen nach Palästina und später Israel. 

 

 

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Diese kemalistische Politik war ein Grund,warum Auswanderung immer interessanter wurde.  So verließen viele Minderheiten die Türkei,etwa Kurden, Assyrer, Griechen, Juden, Jesiden, Zaza usw. sowie Millionen von eigentlichen Türken.

 

Entschuldigen sie den etwas langen Ausflug indie neuere Geschichte , aber dies ist notwenig um die aktuelle Entwicklung  besser zu verstehen.

Die kemalistische Reform anfangs  der türkischen Republick folgt nun unterMinisterpräsident Erdogan die Reislamisierung. Die konservative islamischeElite der Türkei  restauriert ihren postosmanischenMachtanspruch und ihr Gesellschaftsmodell gegen die türkischen und alevitischenKemalisten.  Der aktuelle CHP VorsitzendeKemal Kilicdaroglu ist Alevit und Dersimer .Er geht nicht damit hausieren, aber es ist bekannt und verdeutlicht damit dieKonfliktlinie in der türkischen Gesellschaft. Auch die Kurden als größteverbliebene Minderheit sind mit dieser neuen Situation noch nicht im Einklang ,um es milde auszudrücken. Die PKK ist  völligisoliert und ihr Kamp fist hoffnungslos. Das bei den Wahlen Dersimer für dieCHP Mandate erlangten, ist hingegen hoffnungsvoll.

Was will Erdogan?

 Erdogan willreislamisieren!

Er will die kemalistische Republik islamischreformieren. Er will auch das Militär entmachten und islamisieren.  Er traut den bisherigen Generälen nicht. Aberin der Spitze will er islamfreundliche Köpfe. Erdogan verbreitet derweilNationalismus, traditionelle Religiosität und starke Führung. Das alles soll zueiner anderen islamischen Republik  führen, ein Beispiel für dıe arabischen Brüdersein. Dahinter steht der Traum von einer postosmanischen Union aller Turkvölkerund arabischen Nachbarn. Erdogan macht deshalb ein machtvoll ausgerichteteAußenpolitik, droht Syrien und bricht mit Israel. Im eigenen Land schürt erAntisemitismus und betreibt weiter Türkisierung. Er ist ein islamischerNationalist.

Nicht die EU enttäuscht die Türkei, es ist genauumgekehrt.

 Die EU hatimmer mit offenen Karten gespielt, eine Roadmap vorgegeben. Nach denAnpassungen des Wirtschaftsrechts und der besonders der Finanzregelungen an EUStandards sollten nun die Demokratiedefizite abgearbeitet werden: Wahlen auchin den in den Provinzen, Minderheitenrechte, Pressefreiheit undReligionsfreiheit und parlamentarische Kontrolle des Militärs.

Für Erdogan gibt es die Minderheitenfrage nicht.Die Kurden und Zaza , u.a. sind nach offizieller Definition keine Minderheiten, sondern Türken ( Bergtürken)..  

Also keine guten Aussichten für eine demokratischeund sekulare Gesellschaftsordnung unter Mitwirkung der Minderheiten. Der Wegnach Europa wird immer mehr verbaut. Der Westen muss sich für die schnelleUnterstützung der sekularen oppositionellen Kräfte entscheiden und dieaußenpolitischen Eskapaden des Natomitglieds Türkei einschränken.

 

 

 

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2. Minderheitenpolitik in der Türkei

Die amtierende türkische Regierung unter der Führung der MehrheitsparteiAKP macht innerhalb ihre Reislamisierungspolitik einen erneuten historischenFehler. Sie wiederholt den Geburtsfehler der kemalistischen Republik, indem sieam türkischen Nationalismus festhält. Auch der postosmanische Traum wird daranscheitern, da sich die nationalistischen Strömungen in der arabischen undpersischen Welt  sich nicht unterordnenwerden. Statt dessen ist es interessanter , auf die sogenanntenDemokratiebewegungen zu schauen, deren Protagonisten u.a. sehr jung und  dank Internet kosmopolitisch ausgerichtetsind . Diese Generation ist nicht mit alten Gesellschaftsmodellen zufrieden zustellen, oder gar zu unterwerfen. Das zeigt sich besonders in den Großstädtendes Iran , in Libyen und  Syrien .

 

Die Verstädterung ist nicht aufzuhalten, genausowenig wie die modernenKommunkationstechnologien. Wer diese Entwicklung nicht erkennt, wird von einerWelle junger Aufständiger überrollt.

Dazu gesellt sich eine Entwicklung unter den jungen Leuten, sich beialle Universalität ihrer Bestrebungen der eigenen kulturellen Wurzeln , derIdentität zuwendet. Wer sind wir, wo her kommen wir?  Das bedeutet Achtung der Minderheitenund  Verankerung ihrer Rechte in denVerfassungen .

 

Diese Menschen Ernst zu nehmen , ware der erste Schritt in die richtigeRichtung , statt in einer neuen Welle von Zwangsislamisierung mit türkischemNationalismus einzusteigen. Diese Richtung kann nur zu neuen innerstaatlichenKonflikten führen, die die modern Türkei nicht braucht , gerade auch nichtunter dem Gesichtspunkt einer weiteren erfogreichen ökonomischen Prosperität.

 

3. Alevitentum als Soziallehre

 

Das Alevitentum ist eine synkretische Religion ohne Klerus mit viel sufistischenund zarathustrischen Traditionen  und derFähigkeit sich den Verhältnissen anzupassen – ohne jedoch die eigene Identitätaufzugeben.

Der Wille zur Eigenständigkeit ist ungebrochen,  seit die ostanatolischen Väter und Mütter diese ursprünglichen Naturreligion  in den Bergen ausbildeten und über dietraditionellen Familien der Dedes weitergaben. Heilige Stätten an den Quellenund Flußläufen, Kerzen und Wunschbäume an den heiligen  Orten und diePhilosophie des tolleranten und ausgleichenden Zusammenlebens gleichwertigerIndividuen (Männer und Frauen )sind die Basis einer Lebensart, die historischimmer wieder bekämpft aber nicht ausgerottet wurde, sondern als Soziallehreweitergegeben wird. “Frieden ist nicht das Ziel , sondern der Weg “ , sagteschon Gandhi und befand sich damit im indogermanischen Denken , dass weitfrüher auch in der ostanatolischen Naturreligion Eingang  fand. Natur/ Mensch,  Licht und Wasser als Gotteinheit prägen dieseMenschen in einem aufklärerischen Grundverständnis und Miteinander, dass ihr Lebens- undGesellschaftsmodell zu Vorbild macht. Daraus entspringt auch in der Diasporaihre Fähigkeit sich zu integrieren. Bildung und Tradition sind aber die Grundfeiler ihrer Religiosität, diedas  Gemeindeleben betimmen.

 

Deshalb ist das Alevitentum in Deutschland und der Türkei ein wichtigerBestandteil des demokratischen gesellschaftlichen Lebens. Die deutsche Politikhat es schon

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realisiert, die türkische Politik ignoriert  dieses gesellschaftliche  Potenzial und unterwirft es der Einordnung in den sunitischen Islam. Dieser Fehlerist von entscheidender Bedeutung, denn der sunitische Islam ist in seinerbisherigen Geschichte  nicht in der Lagegewesen ein demokratisches Gemeinwesen zu installieren.

Das ist das Dilemma  desarabischen Nahen Ostens  und somit auchein Denkfehler in der Erdogan AKP.

 

Der jetzige Bruch mit dem jüdischen Staat, als einzigem existierendenDemokratiemodell im Nahen Osten ist deshalb ein weiterer fataler Fehler. AuchIsrael ist ein positives Modell und wird dafür von der arabischen Welt bekämpft, was auch ein Zeichen ihrerDemokratiefeindlichkeit ist.

Auch die Demokratiebe