Bist du gekommen, um mich hinzurichten?’

 

Das Strafvollzugsgesetz schrieb vor, dass die Personen, die erhängt werden, sich nicht sehen. Wir versuchten, diese Bedingung zu erfüllen. Wir stellten auf jedem Platz jeweils ein Tischchen, insgesamt vier. Der Gouverneur fand einen Henker Zigeunerabstammung. Nachts um zwölf Uhr gingen wir zum Gefängnis. Mit den Autoscheinwerfern beleuchteten wir die Umgebung. Das Gefängnis hatte 72 Angeklagte. Wir brachten die Angeklagten zum Gericht. Der Zigeuner kam auch mit. Er verlangte pro Hinrichtung zehn Türkische Lira. Wir akzeptierten. Die Angeklagten konnten kein Türkisch. Das Urteil wurde gefällt. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, für einige von ihnen lautete das Urteil auf Freispruch, für die anderen unterschiedliche Haftstrafen. Da der Richter im Urteilsspruch nicht den Begriff Hinrichtung sondern die Todesstrafe verwendete, verstanden sie das Urteil nicht richtig. Sie jubelten: ‘keine Hinrichtung’. Wir nahmen Seyit Riza mit und stiegen ins Automobil ein. Seyid Riza saß zwischen dem Polizeidirektoren Ibrahim und mir. Der Jeep hielt auf dem Platz neben dem Gendarmeriequartier. Seyit Riza begriff die Lage erst, nachdem er die Tischchen sah. ‘Ihr werdet uns erhängen’, wandte sich mir zu und sagte: ‘Bist du extra aus Ankara gekommen, um mich zu erhängen?’ Wir sahen uns an. Ich stand zum ersten mal mit jemanden, der hingerichtet werden sollte, von Angesicht zu Angesicht. Er lächelte mich an. Der Staatsanwalt fragte, ob er beten wollte. Seyit Riza wollte nicht. Wir fragten ihn nach seinem letzten Wort (Wunsch). „Ich habe nur 40 Lira und eine Uhr. Gebt sie meinem Sohn“, sagte er. In diesem Augenblick wurde gerade die Hinrichtung von Findik Hafiz (Lacê Qemer Ağay Fındıq Ağa) vollstreckt. Während er erhängt wurde, riß das Seil zwei mal. Als Findik Hafiz hingerichtet wurde, stellte ich mich vor das Fenster, damit Seyit Riza es nicht sah. Seine Hinrichtung war beendet und wir brachten Seyit Riza auf dem Platz. Es war kalt und es gab keine Menschenseele in der Gegend. Aber Seyit Riza sprach in die Leere, als ob er eine Rede zu einer Menschenmasse halten würde.

‘Wir sind Nachfahren von Kerbela. Wir sind unschuldig. Es ist eine Schande. Eine Grausamkeit. Ein Mord’, sagte er. Es überlief mich kalt. Dieser alte Mann lief mit gleichmäßigen, scharfen Schritten dem Zigeuner entgegen und schubste ihn. Seyit Riza nahm das Seil und hängte es an seinen Kopf trat den Stuhl und verwirkliche seine Hinrichtung selbst. Es ist schwierig, Mitleid mit dem vom Schicksal verhängten Ende eines Mannes zu haben, der so hartherzig ist, dass er einen Offizier, der genau so alt war wie sein Sohn, umzubringen. Aber ich konnte mich nicht davor zurückzuhalten, Achtung vor dem Mut dieses alten Mannes zu haben. Meine Nerven waren sehr angeschlagen. ‘Mir ist kalt, ich gehe zum Hotel’, sagte ich zum Polizeidirektoren. Als Seyit Riza hingerichtet wurde, war die Stimme des Sohns von Seyit Riza zu hören: ‘Macht mich zum Diener, Sklaven, Hirten. Habt Erbarmen mit meiner Jugend, tötet mich nicht!’