Warum das Regime Sufis und andere Minderheiten verfolgt

Dr. Seyed Mostafa Azmayesh
Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

Im Iran sind länger schwelende Konflikte innerhalb des regierenden Establishments nach der Wahl am 12. Juni deutlich zu Tage gekommen. Die überwältigenden Proteste vieler Menschen in Teheran und anderen Städten Iran's haben die Machthaber in ihrer Deutlichkeit überrascht. Dafür schlagen die Handlager der fundamentalistischen Kräfte umso heftiger zurück. Säuberungen von unliebsamen Gegnern durch Bassidschi sind an der Tagesordnung. So sind auch schon Sufis seit der Amtsübernahme Ahmadinedschads 2005 unter die Räder gekommen.

Mit dem Amtsantritt von Mahmoud Ahmadinedschad im Jahr 2005, begann für Dr. Seyed Mostafa Azmayesh eine intensive Zeit des Warnens, Aufklärens und Buhlens um die Aufmerksamkeit von Journalisten und Politikern in Europa für die Rechte der Menschen im Iran. Zunächst stießen radikale Ayatollahs eine Hetzkampagne gegen Sufis an. Im Februar 2006 war die Atmosphäre gegen Sufis dann so weit aufgeheizt, dass das Gebetshaus der Mystiker in Qom von militanten Bassidschi zerstört und über 1000 Sufis von der Polizei verhaftet und übel zugerichtet wurden. In anderen Städten setzten sich die Angriffe fort, zuletzt wurde im Februar 2009 das Sufi-Haus in Isfahan in einer Nacht und Nebel Aktion von den Behörden dem Erdboden gleich gemacht, die Sufis wurden verhaftet. Azmayesh kennt die ideologischen Hintergründe der Kräfte hinter Ahmadinedschad und versteht ihre Ziele. Diese Ziele bedrohen die Freiheit aller Menschen im Iran und die Menschenrechte auf der ganzen Welt. Im Iran gehören ca. 2 Millionen Menschen dem schiitischen Nematollah Sufi-Orden an. Sie gelten als eine Minderheit, die von fundamentalistischen Geistlichen aus Qom, wie z.B. Nouri Hammedani, Makarem Shirazi oder Safi Golpayegani als Häretiker bezeichnet werden.

Laut einiger Rechtsgutachten dieser bedeutenden Würdenträger des iranischen Regimes, bewegen sich Sufis in ihrem Glauben und ihren Praktiken außerhalb des Islams. Den Sufis wird vorgeworfen einen weichgespülten „amerikanischen Islam" zu praktizieren und nicht an die physische Wiederkehr des Mahdi oder 12. Imams zu glauben. Mit Hilfe dieser Rechtsgutachten konnten die Hardliner im Jahr 2005 Bassidschi und Geheimdienst überzeugen, dass Sufis eine Gefahr für die Prinzipien der Islamischen Republik Iran sind. In Konsequenz fanden verschiedene Kampagnen in Zeitungen gegen Sufis statt, um sie als Agenten des Westens zu diskreditieren. Der Kampf fundamentalistisch gesinnter Mullahs gegen Sufis hat eine lange Tradition im Iran und erreicht in diesen Zeiten wieder traurige Höhepunkte: mehrere Versammlungshäuser der Sufis, wo diese ihre Samâ genannten Rituale mit Musik und Rezitation durchführen, wurden im ganzen Land von Bassidschi Einheiten zerstört. Sufis wurden Repressalien ausgesetzt. Gefängnisstrafen, Auspeitschungen, Reiseverbote, Berufsausübungsverbote und Enteignungen stehen zu Buche.

Die Regierung hat sich in den letzten vier Jahren akribisch bemüht Sufis in Diensten des Staats zu identifizieren und zu entlassen. Die Werte der Sufis heißen Freiheit, Toleranz, Liebe. Dafür werden sie im Iran verfolgt. Einiges muss jedoch differenziert werden, denn es gibt auch unter den Ayatollahs im Iran viele verschiedene Fraktionen, die sich nicht ganz grün untereinander sind. Ein Teil des Zwistes dieser Fraktionen innerhalb des politischen Establishments bekommt, auf Grund der aktuellen Situation im Iran, mehr Aufmerksamkeit in westlichen Medien. Wir erfahren von dem konservativen Lager um Rafsandschani, der dem Expertenrat vorsteht, die gerne als „Reformer" gehandelt werden und den prinzipientreuen Kräften hinter dem Präsidenten. Die Ideologie hinter Ahmadinedschad wird im Westen nicht in aller Deutlichkeit gesehen. Als sein geistiger Ziehvater gilt Ayatollah Mesbah Yazdi, der mit den oben erwähnten Klerikern eine besondere Interpretation des schiitischen Islams propagiert. Kern dieses Glaubens ist die Wiederkehr des 12. Imams. Der 12.Imam ist eine Art Messias, der laut schiitischer Lesart des Islams am Ende aller Zeiten wiedererscheinen wird. Er ist ein Nachkomme des Propheten Mohammeds.

Im schiitischen Islam ist die Führung der Muslime nur durch unmittelbare Nachkommen von Ali und Fatima, dem Schwiegersohn und der Tochter des Propheten möglich. Alleine der verborgene 12. Imam erfüllt diese Bedingung. Sein Name ist Mohammed Al-Mahdi, geboren 868, verschwunden 939. Er ist unsichtbar und wartet auf ein Zeichen Gottes, um wiederzukehren. Schiiten glauben auf unterschiedliche Art an die Wiederkehr. Viele von ihnen denken nicht wirklich darüber nach. Natürlich kann es theoretisch morgen geschehen, doch zugleich 100 000 Jahre später, wie Ayatollah Khomeini, der Gründer der Islamischen Republik, einmal anmerkte. Mystische Sufis wie Azmayesh erwarten eine geistige Manifestation von Gottes Licht, die „Wiederkehr ins Herz", und sie werden von den fanatischen Gruppierungen beschuldigt, nicht an die physische Wiederkunft des verborgenen Imams zu glauben. Eine andere Gruppe glaubt jedoch, dass er sehr bald ins Leben zurückkehren und sich zu erkennen geben wird. Sie heißt Hodjatieh. Nach dieser Gruppe, können Gläubige das Ende der Zeiten beschleunigen. Wie in der Bibel, gibt es auch in den Schriften des Islam Hinweise auf „Zeichen", die vor dem jüngsten Tag sichtbar werden, allerlei Chaos, das willkürlich gestiftet werden kann.

Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild von Gegnern und eigenen Zielen dieser Strömung:

  1. Vom blutigen Islam der sunnitischen Taliban, Wahabis und Salafisten als terroristische Formen des Islams grenzen sie sich klar ab.
  2. Der sogenannte „amerikanische" Islam der Sufis, bei dem der Aspekt der Toleranz und die individuelle Entwicklung wichtig sind, wird von ihnen klar abgelehnt.
  3. Der Islam der Schiiten, die in Erwartung des verborgenen Imam Mahdi leben und alles dafür tun, um seine Rückkehr vorzubereiten, ist ihr Ideal. Die radikalen Ayatollahs möchten jeden wahren Muslim auf diese Position verpflichten.


Daraus ergeben sich Konsequenzen:

  1. Die Sunniten erwarten nicht den Imam, das ist falscher Islam; Sunniten müssen bekämpft werden.
  2. Die Sufis haben ihre Meister und erwarten nicht den Mahdi, das ist falscher Islam; Sufis müssen bekämpft werden.
  3. Die Schiiten müssen möglichst viele Probleme bereiten, damit Gott den Mahdi als Erlöser schickt.


Das sei der Weg des Islams nach ihrer Meinung; diese Ansicht muss verbreitet werden. Die Hardliner aus Qom fürchten nichts mehr als Menschen, die sich selbstverantwortlich um ihre spirituelle Entwicklung kümmern und lernen wollen selbstständig ihr Denken zu entwickeln. Sie wollen stattdessen jedem sagen, was er oder sie denken, tun und lassen sollte. Wenn diese rückwärts gewandten Kräfte sich weiter in den Machtzentralen Irans festsetzen – und das könnte mit den aktuellen Säuberungen gelingen - droht die weltweite Anwendung einer vom iranischen Parlament durchgewinkten Gesetzesvorlage zur Apostasie. Jeder Muslim erhält dadurch den Auftrag vom islamischen Glauben Abgefallene überall auf der Welt zu töten.

Juni 2009, Helmut N. Gabel

 

 

7.3.2009     

RELIGIöSE FREIHEIT NIMMT AB

Behörden zerstören Sufi Gebetshaus in Isfahan

Trümmer von dem zerstörten Gebetshaus der Nematollahi Derwische in Isfahan

In einer konzertierten Aktion haben Behörden der islamischen Republik Iran die Zerstörung eines weiteren Gebetshauses der Nematollahi Derwische veranlasst.

In den frühen Morgenstunden des 18. Februar ging alles sehr schnell vor sich. Um die 200 Sicherheitskräfte, Polizisten und zivile Agenten rückten gegen die Hosseinieh vor, verhafteten alle anwesenden Derwische und ließen einen Bagger das Gebäude niederreißen.

All das passt in die Bestrebungen der fundamentalistischen Kräfte, die derzeit den Iran regieren, mit allen friedlichen Strömungen, die die Legitimation der Regierung und ihre einseitige Auslegung des Islam als politisch-revolutionäre Strömung gefährden, aufzuräumen.

Bahai werden angegriffen und so auch Sufi Derwische. Beide Strömungen vertreten eine tolerante und friedliebende Weltsicht. Seit dem Amtsantritt Ahmadinedschads gehen die Behörden verstärkt gegen Sufis vor. Willkürliche Verhaftungen, Bedrohungen, Gerichtsurteile und mediale Ausgrenzung der Sufis aus dem staatlich kontrollierten „richtigen Islam“ sind seit drei Jahren an der Tagesordnung. Die Zerstörungen begannen am 13. Februar 2006 in der heiligen Stadt Qom, setzten sich 2007 in Boroujerd fort. Auf Kish wurde 2008 auf massiven Druck hin ein Zentrum der Derwische geschlossen.

Angesichts dieser Ereignisse waren die Derwische in Isafahan gewarnt und versuchten auf der Hut zu sein. Ihr Gebetshaus, das an das Grab des großen Dichters und Sufi Derwisches Naser Ali am historischen Takht-e-Foulad Friedhof grenzte, wollten sie durch permanente Nachtwachen vor der Zerstörung bewahren. So befanden sich auch in dieser Nacht einige Derwische in dem Gebetshaus, die aber chancenlos gegen die massiven Sicherheitskräfte waren.

Schnell wurden den Derwischen die Mobiltelefone abgenommen, um zu verhindern, dass sie den Angriff melden und Verstärkung bekommen. Später mussten die Einsatzkräfte alle eintreffenden Derwische, die von der Zerstörung ihres Gebetshauses gehört hatten und sich um die Stätte versammelten, auseinandertreiben.


Religiöse Freiheit nimmt ab

Mostafa Azmayesh, der in Frankreich lebt und den Nematollahi Orden im Ausland vertritt, ist der Meinung, dass der unterschwellige Druck gegen die Sufis verstärkt wird. So erlauben die Behörden Derwischen nicht mehr, sich in Beydokht, dem Hauptort der Nematollah Gonabadi Derwische bestatten zu lassen. „Es gibt in Beydokht einen Friedhof, der dem Gonabadi Zweig gehört. Manche Derwische verfügen in ihrem Testament, dass sie dort begraben werden wollen – doch die Behörden in Beydokht haben es verboten.“

Während vor allem fundamentalistische Vertreter der Mullahkratie in Iran den Sufismus als Gefahr für den Islam werten, verstehen sich die Sufis im Iran als Moslems, die jedoch Wert auf eigene spirituelle Erfahrungen legen, um Wahrheit zu verstehen oder Eins Sein zu verwirklichen.

Die Bewegung der Nematollah Derwische zählt laut eigenen Angaben um die 2 Millionen Menschen im Iran und scheint sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Diesem Umstand rechnen sie den wachsenden Druck des Staates gegen ihre Bewegung bei. Sie sagen, viele Iraner seien mit der offiziellen Auslegung des Islam unzufrieden und würden sich mit alternativen Angeboten beschäftigen.

Für Azmayesh sind die wiederholten Angriffe gegen die Sufis im Iran ein deutliches Zeichen von drohenden Aggressionen auch gegen alle anderen religiösen Minderheiten.

Diesen Trend beobachten auch Menschrechtsorganisationen. Sie berichten von einer deutlichen Abnahme des Respekts gegenüber religiöser Freiheit seit Mahmoud Ahmadinedschad vor 3½ Jahren ans Ruder kam.


Menschenrechte statt Atomprogramm als Druckmittel des Westens gegen den Iran

Die Gonabadi Derwische haben angekündigt am Samstag 21. Februar vor dem Parlament in Teheran gegen die Zerstörung ihres Gebetshauses und die Verletzung ihrer Rechte als Derwische zu protestieren. Diese Proteste werden in den Raja News, die dem ultra-fundamentalistischen Lager um Ayatollah Mesbah Yazdi zugeordnet werden, als Anlass genommen, um die Sufis als Handlanger des Westens zu beschreiben: „Nachdem der Westen damit gescheitert ist, das iranische Nuklearforschungsprogramm anzuhalten, versuchen die Vertreter des Westens wieder Oberwasser zu bekommen, indem sie Mostafa Azmayesh (das Sprachrohr des Gonabadi Sufi Ordens im Westen) benutzen, um Menschenrechtsfragen im Iran aufzuwerfen, so dass sie ihre übergeordneten Ziele erreichen.(...)Nach unseren Informationen haben englische und französische Agenten den Sufi Orden infiltriert und versuchen ihn für ihre Ziele zu steuern. Der Orden ist von den westlichen Mächten angewiesen seine Position als religiöse Minderheit, sowie seine Behandlung durch die Behörden im Iran zu nutzen und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich und die Menschenrechte im Iran zu lenken(…weiterlesen hier auf persisch und hier auf englisch).“

Diese Zuordnungen könnten das Leben der Sufis im Iran auf eine noch härtere Probe stellen und die schon ausgesprochenen Drohungen gegen Mostafa Azmayesh real werden lassen.


Von Helmut N. Gabel

Quelle: IRAN NOW NETWORK