AKPAZAR  die  armenische, alevitische und türkische Geschichte einer kleinen Gemeinde in Ostanatolien, 900m ü.M.

Ursprünglich war Akpazar die armenische  Gemeinde „Peri“ auf der Höhe eines ausladenden Tales, einer Schüssel , umgeben von, vom  ewigen Schneewasser gerundeten Bergen und  spärlich bewachsen. Das Tal  durchströmte ein  kleiner Fluss, die Flussauen wurden bewirtschaftet mit Weingärten und  Tabak. Der Fluss konnte mit Pferden durchquert  oder schwimmend überquert werden. Auf einer kleinen Anhöhe stand hier die armenische Kirche,  die Südhänge  sind kultivierte Weingärten, eingefasst von aufgehäuften Steinmauern. Die Gebäude aus getrockneten Lehmziegeln haben das  hier im Dersim  übliche,  gestampfte  Lehmdach  auf runden Dachbalken.  Die Dachtechnik ist den harten Wintern mit Regen und Schnee nicht wirklich gewachsen, alle paar Tage  muss der Schnee entfernt werden und das Dach mit neuem Lehm verdichtet werden. Wer sein Dach nicht pflegt, dem tropft es in die Wohnung. Geheizt und gekocht wurde früher mit einer offen Feuerstelle, heute mit Gas aus Flaschen oder Strom. Heute hat sich die Lage nur da verbessert, wo die Familien Angehörige im Ausland haben oder durch mehrere Jobs so gut verdienen, dass sie sich einen Dachstuhl mit Wellblech leisten können. Zurückgekehrte Rentner aus Deutschland  bauen Ihre alten Familienhäuser aus  und erreichen damit einen  modernen  Standard. Das Tal ist inzwischen geflutet, ein Stausee macht das Erreichen der anderen Talseite zu einem umständlichen Unterfangen.

Die Armenier wurden im ersten Genozid 1915 und weiteren Angriffswellen  vertrieben  oder getötet. Sunnitische Türken rückten nach. Die Weingärten verfielen. 1938 folgten  die Vertreibung  und der Genozid an den  Aleviten im Dersim und 10 Jahre später ihre spärliche Rückkehr. Doch die Regierung ließ sie nicht wieder in ihre alten Dörfer, sondern  siedelte sie da an, wo es z.B. noch Reste  von Armeniern gab. Entsprechend dem türkischen Sprichwort „ Schlage zwei Feinde mit einem Stein“, wurden somit einige Dersimer Familien in Akpazar angesiedelt und zwar auf dem vorher geschleiften Friedhof der Armenier . Die armenische Kirche war schon vorher abgetragen worden,  die Steine  der Kirche oder des Friedhofes wurden für Neubauten benutzt. Bei der Baugrundherrichtung traten immer wieder  die Knochen der Verstorbenen zu Tage.  Die armenischen Weingärten wurden den Aleviten übereignet, denen sie auch heute noch gehören. Ergebnis war eine Ablehnung der Aleviten durch die verbliebenen Armenier. Da aber beide Religionsgruppen auch in der Vergangenheit sehr gut  und tolerant zusammenlebten wurden auch hier die Streitigkeiten beendet, mussten doch beide neuerliche Angriffe des türkischen Militärs  und der sunnitischen Einwohner fürchten. Das Diktat der Türken war beiden Gruppen klar. Letztlich haben die letzten Armenier sich zu muslimischen Türken  assimiliert, um nicht weiterhin verfolgt zu werden. Die Aleviten werden in der Türkei ohnehin als Muslime angesehen.  Also  gibt es in der Türkei auch keine Probleme mit anderen Religionen. Die Aleviten verließen in der ersten Gastarbeiterwelle in den 60igern und nochmals während der erneut repressiven  Militärdiktatur in den 90iger Jahren solche Orte wie Akpazar. Die Weingärten verfielen wieder.  Jetzt kehren einige Aleviten zurück, zuerst die „deutschen Rentner“. Sie bauen wieder auf, restaurieren und erreichen einen ansehnlichen Wohlstand. Im Dorf selbst findet man nur die alten Häuser, eine verlassene Goldschmiede, von assimilierten Armeniern wieder übernommene Weingärten und laut schreiende  Esel. Also eigentlich doch wieder eine armenisch-alevitische Gemeinde mit einigen sunnitischen Türken und 30 türkischen Soldaten plus Bürgerwehr  zur Bewachung  der Bewohner vor den“ allgegenwärtigen PKK-Kämpfern“. 

5.8.2010

Ein alevitisches  Opferritual  mit drei Ziegenböcken , zwei deutschen Besuchern aus Berlin und einer ca. 50 köpfigen alevitischen Großfamilie , deren Großteil aus Berlin kommt und stammt und die hier lebenden Großeltern, den Familienvorstand besucht. Also eine „Berliner Runde“ mit Schächten und Feiern in Ostanatolien. Der Tag beginnt um 7  Uhr mit den Vorbereitungen  und endet nach viel Ziegenfleisch, Tee (Chaj) und alevitischen Gebetsliedern abends spät.

Die Hitze des Tages hat sich mit Anbruch  der Dunkelheit in angenehme Kühle verwandelt. Vor dem Haus sitzt die Familie aus drei  Generationen vereint beisammen. Gemeinsam singen sie traditionelle Lieder ihrer Heimat, der Enkelsohn aus Berlin spielt dazu auf der Baglama , der Großvater  stimmt in seinen Gesang mit ein. Die Lieder handeln meist von ihrer leidvollen Vergangenheit. Zwischendurch mischt sich das Gebet eines Muezin vom Minarett einer benachbarten Moschee  mit den melancholischen Gesängen. In der Ferne hört man die Trommeln einer Dorfhochzeit untermalt vom Zirpen der Grillen. Über uns der klare, sternenreiche Himmel.